Die Geschichte der Kirche Saint-Pierre-Ville lässt sich weder von der Geschichte von Saint-Pierre-des-Corps noch von der von Tours trennen. Die Lage am Vorabend der Revolution war nämlich recht ungewöhnlich: Unter dem Patrozinium und als Kirche von Saint-Pierre-des-Corps lag sie innerhalb der Stadtmauern von Tours aus dem 17. Jahrhundert, während sich die zu ihr gehörende Pfarrei „extra muros“ erstreckte.
Nach der Gründung der Gemeinde Saint-Pierre-des-Corps (1793) und der Abtretung eines Geländestreifens an die Stadt Tours (1855), der im Osten bis zum heutigen Quai de la Gare du Canal reichte und im Süden das Viertel La Fuye umfasste, wurden die Verhältnisse klarer. Doch erst 1906 kam es zur tatsächlichen Angliederung der Pfarrei … Damit änderte sich der Name der Kirche endgültig: Aus „Saint-Pierre-des-Corps“ wurde „Saint-Pierre-Ville“.
Wahrscheinlich gehört sie zu den ersten Kirchen der Touraine (4. und 5. Jahrhundert); erwähnt und damit belegt ist sie in einer Urkunde aus dem 9. Jahrhundert, und im 12. Jahrhundert besaß sie bekanntermaßen nahezu dieselben Ausmaße wie heute. Die Kirche wurde im 14. Jahrhundert neu errichtet und im Laufe des 15. und 16. Jahrhunderts umgestaltet. Erneut überarbeitet wurde sie von Gustave Guérin, Architekt der Stadt, des Departements und der Diözese und Verfechter der Neugotik; ihr heutiges Aussehen erhielt sie jedoch erst ab 1965: Mauern und Fassaden vollständig verputzt und jeglichen Schmucks beraubt, die Fenster der Nordseite teilweise ersetzt, bis hin zum Glockenturm, der ebenfalls erneuert wurde, diesmal in Holz.
Im Inneren ist das Kirchenschiff mit farbig gefassten Gipsstatuen bevölkert. Auf der Nordseite stellen sie den Erzengel Raphael, den heiligen Petrus und den heiligen Joachim dar; auf der Südseite den heiligen Michael, die Jungfrau Maria und den heiligen Johannes unter dem Kreuz sowie die heilige Anna mit der Jungfrau Maria. Bemerkenswert ist, dass der heilige Michael gleich am Eingang einen Ehrenplatz einnimmt. Man kann darin heute einen Wink zur ganz nahe gelegenen gleichnamigen Kapelle sehen und zur Präsenz der Ursulinen, die nicht nur über die Kirche, sondern auch über das Viertel wachen.
Erzengel Raphael
Heiliger Petrus
Heiliger Joachim
Heiliger Michael
Die Jungfrau Maria und der heilige Johannes
Die heilige Anna und die Jungfrau Maria
Ein Besuch der Kapelle Saint-Michel in der rue des Ursulines ist ein Muss, um die Geschichte des ehemaligen Klosters der Kongregation und der heiligen Maria von der Menschwerdung (Marie de l’Incarnation) kennenzulernen, eines Vorbilds der Kirche und der Glaubensbotin aus der Touraine, die im 17. Jahrhundert die Irokesen evangelisierte.
All dies soll die familiäre Atmosphäre zum Ausdruck bringen, die einen beim Betreten der Kirche sofort umfängt: das alltägliche Leben der Gläubigen, irdisches und geistliches Leben, schlicht dargestellt. Diese Vertrautheit wird noch verstärkt durch die falschen Gipsgewölbe aus dem 19. Jahrhundert, die das ursprüngliche Holzgewölbe ersetzt und so die Raumverhältnisse verändert haben: Wir sind von denen eines Wohnhauses nicht mehr weit entfernt.
Nach der üblichen Anordnung der Kirchen des 19. Jahrhunderts enden die beiden Seitenschiffe an je einem Altar: der eine ist dem heiligen Josef geweiht, der andere am Ende des südlichen Seitenschiffs der Jungfrau Maria. Hinter dem Marienaltar stellt ein Fresko von Paulette Richon aus dem Jahr 1941 verschiedene Erscheinungsorte der Jungfrau Maria dar sowie die besonderen Tugenden, auf denen die Verehrung der Gläubigen beruht.
Fresko von Paulette Richon
Inschrift für Jehan Papin
Am gegenüberliegenden Ende desselben Seitenschiffs erinnert eine in die Wand gemeißelte Inschrift daran, dass hier Jehan Papin und seine Frau begraben wurden. Der Name Jehan Papin bleibt mit der Kathedrale Saint-Gatien in Tours verbunden, an der er im 15. Jahrhundert einer der Baumeister war, insbesondere beim Bau des Nordturms.
Inschrift für Jehan Papin
Geht man das nördliche Seitenschiff hinauf, fällt der Blick auf ein dem Heiligsten Herzen Jesu geweihtes Wandmonument (1945) und weiter auf eine Statue des heiligen Nikolaus aus dem 17. Jahrhundert. Der Bottich mit den Kindern wurde später hinzugefügt, die farbige Fassung im 19. Jahrhundert ausgeführt. Daraus lässt sich schließen, dass die Zuschreibung an den „heiligen Nikolaus“ folgerichtig erst in dieser Zeit erfolgte.
Der Josefsaltar schließlich stammt – wie der Marienaltar – von Gustave Guérin.
Heiliger Nikolaus
Die besondere Verbundenheit, die man mit der Kirche Saint-Pierre-Ville empfinden kann, zeigt sich auch in den Glasfenstern, einer weiteren Geschichte von Familie und Viertel!
Als Abbé Plailly Pfarrer von Saint-Pierre-Ville war, also von 1837 bis 1857, beschloss er, „seiner Kirche“ neue Fenster zu schenken. Als großer Kunstliebhaber und selbst Praktiker wirkte er zudem an der Bestandsaufnahme und der Ausschmückung anderer Kirchen der Touraine mit (Saint-Julien …). Um aber seine Pläne für Saint-Pierre-Ville zu verwirklichen, begab er sich zunächst zur Manufacture Royale de Sèvres in Choisy-le-Roi (1840), um sich bei Gustave Bontemps Rat zu holen. Gleich nach seiner Rückkehr machte er sich an die Arbeit. Als die ersten Kartons fertig waren, ging es an die Ausführung, und dafür war ein Brennofen unerlässlich. Hier kommt eine weitere Persönlichkeit des Viertels ins Spiel: Charles-Jean Avisseau, der ganz in der Nähe an der place Saint-Pierre wohnte.
Charles-Jean Avisseau, Keramiker, hatte das Verfahren der glasierten Keramik von Bernard Palissy wiederentdeckt. Dank seiner Hilfe beim Bau des Ofens konnte unser Pfarrer seine Glasfenster brennen.
1846 ist ein wichtiges Datum: Das erste Fenster von Abbé Plailly wird eingesetzt. Es befindet sich am Ende des südlichen Seitenschiffs, beim Marienaltar. Es stellt die Verkündigung und Johannes den Täufer dar. Es ist in drei Lanzetten unterteilt: Die Jungfrau nimmt die mittlere ein, zu ihrer Linken der Engel Gabriel, zu ihrer Rechten der heilige Johannes der Täufer. Sowohl in der Wahl der Farben als auch in der Komposition ist das Ergebnis durchaus beachtlich.
Verkündigung
Und unser Abbé setzt sein Werk fort: der heilige Nikolaus von Bari am unteren Ende des nördlichen Seitenschiffs; das zweite Fenster, wenn man dasselbe Seitenschiff hinaufgeht, widmet er dann dem heiligen Antonius, dem heiligen Fiacrius und dem heiligen Isidor. Die Figuren an sich sind recht unbeholfen, der Sinn für Proportionen eher ungefähr, doch der Reiz dieser drei Lanzetten liegt in den einzelnen „Miniaturbildern“, die sie begleiten. Jedes von ihnen zeigt auf eigene Weise eine Seite aus dem Leben dieser „Schutzpatrone“: Handwerker wie Kopisten und Buchbinder, Gärtner und Ackerbauern.
Heiliger Antonius
Heiliger Fiacrius
Kartusche des heiligen Antonius (Kopisten)
Kartusche des heiligen Fiacrius (Gärtner)
Kartusche des heiligen Isidor (Ackerbauern)
Vergessen wir hier nicht die ursprüngliche Lage der Kirche in den Flussniederungen (varennes) von Saint-Pierre-des-Corps, ebenso wenig die Handwerker, die sich später entlang der Grand’rue (heute rue Blanqui) und weit darüber hinaus niederließen. Jeden Einzelnen von ihnen wollte Abbé Plailly in „seiner Kirche“ willkommen heißen. So waren sie alle dort wirklich eingeladen und anerkannt.
Um sein Werk fortzusetzen, beschloss der Pfarrer im folgenden Jahr (1847), eine Glasmalereimanufaktur zu gründen. Zu seinen Teilhabern gehörte ein junger Kunstmaler, den er kennengelernt hatte, ein Freund von Gustave Guérin, spezialisiert auf religiöse Malerei, Träger des Prix de Rome und frisch mit der Goldmedaille der Artistes Français ausgezeichnet: Julien-Léopold Lobin.
Er fertigte zunächst Kartons für Abbé Plailly an, übernahm aber sehr bald die Leitung der Glasmalereimanufaktur und ließ sich im Viertel nieder. Für Saint-Pierre-Ville schuf er seine ersten Fenster:
Auferweckung des Lazarus
Die göttlichen Tugenden
Die Darstellung des Herrn im Tempel
Die Feststellung ist einfach: Julien-Léopold Lobin, geprägt von seiner Ausbildung als Maler, verfolgte ein ganz bestimmtes Ziel: aus dem Glasfenster ein echtes „Fenstergemälde“ zu machen. Die Auferweckung und die Darstellung im Tempel sind gute Beispiele dafür. Die Szenen entfalten sich über drei Lanzetten, von denen jede die benachbarte ergänzt, wie es die einzelnen Teile eines Puzzles tun.
Hier in Saint-Pierre-Ville war damit der Weg für diese Art von Arbeiten geebnet, die den Ruf der Werkstatt Lobin begründen sollten, nicht nur in Tours und in der Touraine, sondern auch im gesamten Westen Frankreichs.
Nach dem Tod von Julien-Léopold (1864) übernahm sein Sohn Lucien Léopold die Nachfolge. Ihm verdanken wir die Fenster des Chores. Die Bilder sind diesmal senkrecht übereinander angeordnet:
Heiliger Petrus
Heiliger Paulus
Die Anbetung der Hirten
Sie erhält hier eine ganz besondere Bedeutung. Als Hommage von Lucien-Léopold ist sie ein echtes Familienbild: Die beiden Hirten im Hintergrund des Bildes tragen die Züge von Julien-Léopold, seinem Vater, und von Marcel Léopold, seinem Bruder, der mit 20 Jahren in Rom starb, als sie dort gemeinsam ihre Ausbildung als Maler vervollkommneten. Im oberen Teil schließlich zeigt uns bei den anbetenden Engeln derjenige rechts, der das Spruchband hält, Cécile, die jüngere Schwester von Lucien.
Dies ist also, zusammengefasst in „unserer Kirche“, die Geschichte der Glasfenster von Saint-Pierre-Ville.
Doch damit ist es nicht getan, denn man kann den Hochaltar nicht verschweigen oder achtlos an ihm vorübergehen. Er erinnert an die Familie Avisseau. Charles-Jean hatte also, mit der wertvollen Hilfe von Abbé Plailly beim Bau seines Ofens für Glasfenster, die Glasuren von Bernard Palissy wiederentdeckt; sein Sohn Joseph-Édouard, der seine Nachfolge antrat, wandte diese Kunst an und entwickelte sie weiter, um den Altar von Saint-Pierre-Ville zu schmücken, ebenso wie den der Kapelle der Dominicaines de la Présentation in La Grande Bretèche.
Der Altar
Tabernakeltür
Die Tabernakeltür ist mit einem Ziborium im Hochrelief verziert. Zu beiden Seiten, ebenfalls im Hochrelief, links die Heilung eines Gelähmten an der Schönen Pforte, rechts die Befreiung des heiligen Petrus durch einen Engel, eine Hommage an den Heiligen, der zum Patron der Kirche gewählt wurde.
Heilung eines Gelähmten an der Schönen Pforte
Befreiung des heiligen Petrus durch einen Engel
Heiliger Petrus
Der Stipes des Altars ist anders gestaltet: Zwei Statuen aus glasierter Fayence rahmen ihn ein. Sie stellen den heiligen Petrus und den heiligen Paulus dar.
In der Mitte zeigt eine Tafel Jesus, der über das Wasser geht. Joseph-Édouard hat sie wie eine Rötelzeichnung der Renaissance gestaltet. Tonerden in verschiedenen Farbtönen, von Dunkelbraun bis Weiß, eingelegt oder aufgesetzt, heben jedes Detail der Szene hervor.
Das gewählte Thema ist zudem eine vollkommene Einladung zum Glauben, ein Ruf unter vielen anderen, die in der Kirche angedeutet werden.
So kommt die Botschaft des Altars, der Glasfenster und selbst der Architektur an: Geschichte einer geistlichen Familie, Geschichte einer irdischen Familie, Geschichte eines Viertels, Geschichte einer Künstlerfamilie – darin liegt der Reichtum der Kirche Saint-Pierre-Ville.
Jesus geht über das Wasser
Heiliger Paulus
Marie-Laure Barcat